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Dem Ziel der Preisstabilität überlegen: das alte Geldmengenziel

Stefan Gerlach, ehemals Vizegouverneur der Notenbank von Irland, legt im “Free Lunch”-Blog der Handelszeitung seine Beurteilung der Geldpolitik der SNB dar. Dabei liefert er Anschauungsunterricht über die Gedankenwelt der angelsächsisch geprägten Notenbanken. Dazu zähle ich heute übrigens auch die EZB.

Das SNB-Ziel “Preisstabilität” mit der Bedeutung einer Teuerung unter 2% ersetzt Gerlach etwas eigenwillig mit der durchschnittlichen Teuerung von 1% seit 2000. Die SNB habe deshalb bei einem aktuellen Wert von 0.4% noch “einen langen Weg” vor sich bis zur ihrem Ziel, der Preisstabilität.

In den Verlautbarungen der SNB findet sich aber weder ein Wert von 1% noch ein “Zielband” von 0% – 2%. Eine Untergrenze ist schlicht nirgends definiert, was auch sinnvoll ist: erstens ist mir in der Schweiz kein deflationärer Kollaps bekannt (die Teuerung blieb selbst in der Immobilienkrise der 1990er über null). Zweitens sind fallende Preise infolge Produktivitätsschüben oder Aufwertung ein notwendiges und grundsätzlich positives Anpassungsventil.

Ein asymmetrisches Zielband ist unlogisch. Wenn schon, dann hätte nach dem Bauernverstand ein solches Band symmetrisch zu sein. Das wäre Stabilität. Dazu kommt, dass die heutige Diskussion m.E. einem Grundlagenirrtum unterliegt, weil die ursprünglichen Gründe und der Kontext für das Inflationsziel vergessen gegangen sind.

Das Ziel Preisstabilität sollte eigentlich dafür sorgen, dass das Kalkulationsproblem nicht durch die Geldpolitik verzerrt wird. Das war zielführend in den durch monetär getriebene Teuerung gezeichneten 1970ern; die Wirtschaft war stabil, nur die Geldschöpfung lief aus dem Ruder.

Der Irrtum ist: in den Folgejahren wurde das Inflationsziel unpassend. Globalisierung und Informatisierung erhöhten die Produktivität gigantisch, die Preise hätten fallen sollen. Wenn sich REALE Verschiebungen wegen der Geldpolitik nicht mehr in den Preisen auswirken dürfen, unterbleiben sinnvolle Anpassungen und entstehen fragwürdige Verteilungswirkungen.

Der einseitige Fokus auf die Preise nährt zudem einen Geist der Feinsteuerung und der Kurzfristigkeit, wie er aus dem Beitrag von Herrn Gerlach spricht. Fazit: das Inflationsziel kann je nach Umständen zielführend sein oder auch nicht.

Das an die Wirtschaftsentwicklung gekoppelte Geldmengenziel, welchem die SNB bis in die 90er anhing, war dem heutigen Inflationsziel haushoch überlegen. Das gilt in besonderem Mass für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz, wo es in den wirtschaftlichen Aussenverhältnissen öfters Ausschläge in alle Richtungen gibt.

Grundlage für diesen Beitrag: Stefan Gerlach im “Free Lunch”-Blog der Handelszeitung: “Hat die SNB einen guten Job gemacht?”

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